Quintessenzen zur theatralischen Umsetzung der Johannespassion

von Christoph G. Amrhein

Im Jahre 1990 entstand im Dom zu Speyer eine szenische Fernsehfilmfassung von Bachs frühem Passionsoratorium. Ihr Untertitel verrät das Inszenierungs-Motto: Es wäre gut, dass ein Mensch würde umbracht für das Volk. Es ist ein Satz, der dem Hohepriester Kaiphas zugeschrieben wird und leider (fälschlicherweise: siehe Johannes 11/49-53), als Aufruf zur Ermordung Jesus gilt. Im Film geht es entsprechend blutrünstig zu. Beispielsweise raisonniert der Darsteller des Jesus (ein Schauspieler) - während aus dem Off der Eingangschor erklingt - dass auch er an ein Kreuz gehängt werden möchte, um die Leiden Christi glaubhaft darstellen zu können. Die Inszenierungsidee klingt interessant. Entspricht sie auch dem Geist des Passionsgeschehens in der Schilderung des Evangelisten Johannes? Und wird damit der Kern dessen getroffen, was Bach in seinem Oratorium mit den Erweiterungen durch Arien, Chören und Chorälen daraus gemacht hat? Mag Bach auch nicht als Opernkomponist gelten, sein Entwurf hat immerhin musikdramatische Züge, der singende Darsteller verlangt. Die Fernsehfassung ist eine gekonnt montierte multimediale Adaption. Mit einem Dramma per musica, das heißt, mit einer veritablen Musiktheateraufführung, bei dem singendes Personal zusammen mit einem Orchester hör - und sichtbar an einem Handlungsstrang ziehen, ist sie nicht zu vergleichen.

Dafür offenbart auch dieser Fernsehfilm ein wohl nicht mehr aus der Welt zu schaffendes Missverständnis. Es besteht darin, dass die Vorstellungen der meisten Menschen von den Abläufen der letzten Stunden Jesu weitestgehend von dem geprägt sind, was der Evangelist Matthäus dazu aufgeschrieben hat. Nahezu alle gängigen Erzählungen, Kunst- , Kulturschöpfungen und - darbietungen zum Thema Passion lassen sich aus seinem Evangelium ableiten. Jesus ist dort der Gemarterte und sein Heilsweg vor allem eine Kette von Leiden und Qualen. Das ist aber das Gegenteil von dem, was Johannes in seinem Evangelium erzählt, das rund 30 Jahre später entstand. Martin Luther bezeichnet Johannes Version gar als das EINZIG WAHRE, ZARTE UND RECHTE HAUPTEVANGELIUM. Aber so einzig wahr, zart und recht es sein Szenenbild mag, das Johannesevangelium ist von einem eigenartigen und geheimnisvollen Geist erfüllt. Symptomatisch steht dafür schon der Anfangssatz des jüngsten Evangelisten: Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Wer mag behaupten, dass er das auf Anhieb versteht (wenn er nicht gerade zufällig Religionsphilosoph ist)? Johannes geht es offenbar nicht um eine weitere Aufarbeitung der Jesushistorie, die bei den Synoptikern ( den drei anderen Evangelisten) selbstverständlich mit der Geburtsgeschichte beginnt. Johannes geht es um spirituelle Beweg - und Hintergründe in der Heilslehre. Theologen und Bibelforscher fassen es so zusammen: Bei Johannes erreicht die Vergöttlichung des Nazareners ihren Höhepunkt. Oder, wie Jesus dort selbst sagt: Ich und Gott sind eins. Anders ausgedrückt und für unsere Inszenierung relevant: Der johanneische Jesus fungiert als Regisseur seines eigenen Schicksals. Es gibt eine eindeutige Regieanweisung, die für unsere Inszenierung als Motto stehen könnte und die in deutlichem Kontrast zu dem Pathos (siehe oben) steht, das eher zu einer Matthäuspassion passt. Der johanneische Jesus sagt (leider nicht innerhalb der Passionshandlung, sondern an anderer Stelle): NIEMAND NIMMT MIR DAS LEBEN, ICH LASSE ES VON MIR SELBER.

Die Unterschiede in den Abläufen der Passionshandlung, ja selbst, was die Personenkonstellation angeht, sind in den beiden großen Bachschen Schwesternwerken eklatant. Einige Beispiele: Die Figur des Judas, mit dessen sogenanntem Verrat - dem allgemeinen Verständnis nach - Jesus Leidensweg beginnt, ist bei Johannes völlig unterbelichtet. Es gibt keinen Judaskuss, weder dreissig Silberlinge, noch einen Selbstmord des Verräters usw. Auch der Hohepriester Kaiphas, gewöhnlich als Chefankläger im Jerusalemer Justizskandal bekannt (siehe oben und Orginalton bei Matthäus: Jesus ist des Todes schuldig ... ihr habt seine Gotteslästerung gehört), tritt bei Johannes überhaupt nicht in Erscheinung, obwohl Jesus von den Häschern sogar zu ihm hingeschleppt wird. Dafür steht bei Johannes der ominöse Prozess im Jerusalemer Gerichtshaus im Handlungszentrum. Im Mittelpunkt die berühmte Frage des Pontius Pilatus: Was ist Wahrheit. Während der Verhandlung sagt Pilatus auffallend oft, dass er Jesus für den ethisch-moralischen Führer der Juden hält: SO BIST DU DENNOCH EIN KÖNIG. Über fünfmal bezeichnet Pilatus den angeklagten Jesus mit diesem Ehrentitel. Für einen normalen König kann wohl auch niemand den Mann mit dem härenen Hemd halten. Pilatus manifestiert es am Ende mit seiner INRI-Schrift am Kreuz: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben (INRI: Jesus von Nazareth, der Juden König). Ja, ist es nicht beinahe so, als wollte Johannes den umstrittenen römischen Gerichtsherren damit von persönlicher Schuld freisprechen? Dass Pilatus seinerseits Jesus für unschuldig hält, wiederholt er bei Johannes mehrere Male. Auch hier ist wieder eine auffällige Variante festzustellen: Nach Matthäus installieren römische Soldaten die bewußte Schrifttafel, wobei nicht einmal gesagt wird, wer sie geschrieben hat.

Bei Johannes steht Jesus über den Dingen. Der Evangelist fasst es gleich zu Beginn so zusammen: Als nun (da nun) Jesus wusste alles, was ihm begegnen sollte, ging er hinaus und sprach zu ihnen, WEN SUCHET IHR. Und nachdem sie geantwortet haben, JESUM VON NAZARETH, stellt sich der Nazarener freiwillig: ICH BINS. Diese kühne Johanneische Volte, dass Niemand Jesus das Leben nehmen kann, weil er es von selber lässt, übernehmen, ja potenzieren Bach und sein Librettist geradezu. Gleich im Anfangschor ihres Johannesoratoriums liefern sie die Regieanweisung, die den johanneischen Spielstil endgültig definieren sollte. Die singenden Menschen fordern Jesus auf, SEINE PASSION zu ZEIGEN, also zu wiederholen. Somit handelt es sich, ob nun nur hörbar oder in Szene gesetzt, um eine Wiederholung allgemein bekannter Vorgänge. Nebenbei, dieser theatralische Kunstgriff ist ein Beleg dafür, dass Bach kaum als sein eigener Librettist in Betracht kommt, wie heute einige Bachforscher mutmaßen. Ein derartig raffiniert eingefädelter, dramaturgischer Kunstgriff kann nur einem erfahrenen Theaterautor einfallen, wie es Bachs späterer Textdichter Picander war (dessen Mitwirkung aber auch beim Weihnachtoratorium noch umstritten ist). Der dramaturgische Geniestreich des unbekannten Autoren, inklusive des ganzen Textes für den berühmten Eingangschor lautet:

HERR, UNSER HERRSCHER, DESSEN RUHM IN ALLEN LANDEN HERRLICH IST! ZEIG UNS DURCH DEINE PASSION, DASS DU, DER WAHRE GOTTESSOHN, ZU ALLER ZEIT, AUCH IN DER GRÖSSTEN NIEDRIGKEIT, VERHERRLICHT WORDEN BIST.

Formal bedeutet das, wie gesagt: Die Menschen wollen, dass Jesus etwas aufzeigt, was schon einmal stattgefunden hat. Beim Theater wird üblicherweise so getan, als ob im Hier und Jetzt eine Handlung, quasi im Augenblick neu erfunden wird. In der dramaturgischen Anlage der Johannespassion trifft das Gegenteil zu: Jesus soll mit und durch seine Passion beispielhaft rekapitulieren, dass er eben nicht erbärmlich am Kreuz zu Grunde ging. Jesus soll zeigen, dass er mit seinem Hinscheiden, selbst mit seinem erniedrigenden Kreuzestod als HERRSCHER VERHERRLICHT wurde. Spirituell gesehen ist das ein Quantensprung. Die Menschen wollen am Ende auch DIE HEILIGEN GEBEINE NICHT MEHR LÄNGER BEWEINEN, wie es bei Johannes heißt. In der Matthäuspassion SETZEN sie sich noch klagend IN TRÄNDEN NIEDER. In der Johannespassion schreit Jesus am Ende auch nicht laut verzweifelnd: MEIN GOTT, WARUM HAST DU MICH VERLASSEN, sondern, ES IST VOLLBRACHT. Klingt das nicht eher glücklich und zufrieden? Daraufhin kehrt Jesus offenbar wieder zu seinem Vater im Himmel zurück.

Lassen sich solch zarte spirituelle Hintergründe theatralisch überhaupt umsetzen? Auf jeden Fall nicht ganz einfach, denn die matthäischen Passions-Vorgänge sind inzwischen wohl schon genauso genetisch programmiert, wie beispielsweise die vermeintliche Hirtenidylle in Bachs Weihnachtsoratorium. Dort hatten wir aufgezeigt, dass nicht das Krippenmärchen im Vordergrund steht, sondern die Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse. Durch das Eingreifen des Herodes, des Prototypen des allgegenwärtig BÖSEN (Günter Jena), steht dort die Heilgeschichte sogar auf des Messers Schneide. Das Bemerkenswerteste in der Johannespassion ist, dass der vermeintlich zwiespältige Überlieferer Pontius Pilatus beinahe zum Prototypen des allgegenwärtig GUTEN! wird. Bachs Johannes-Oratorium müsste eigentlich insgesamt ziemlich umstritten sein, weil es eine so ganz andere und ziemlich verwirrende Passionshandlung erzählt. Warum ist dem nicht so?
Szenenbild Liegt es vielleicht daran, dass die biblische Vorlage bereits so hintergründig angelegt ist? Seit Jahrhunderten schlagen sich Exegeten zum Beispiel mit dem in der Tat teilweise fast absurd wirkenden Gespräch zwischen Jesus und Pilatus während der Gerichtsverhandlung herum. Erregt vielleicht auch deswegen die positive Stilisierung des Pilatus beinahe zum ersten Christen keinen allgemeinen Aufruhr? Wir wollen jedenfalls mit unserer szenischen Aufführung einige johanneische Deutungsversuche wagen. Wir zeigen unter anderem, dass Jesus seinen Judas dankbar küsst - und nicht umgekehrt - weil nämlich durch Judas´ sogenannten Verrat der Kreuzweg überhaupt beginnt. Wir stellen dar, dass Jesus seinen Petrus bittet ihn zu fesseln, damit die Wiederholung der Passion, das ZEIGEN hier und heute in Gang kommt. Jesus scheint verständlicherweise gar keine Lust dazu zu haben, aber die Menschen singen so flehentlich: ZEIG UNS DURCH DEINE PASSION. Wir zeigen auch, dass sich Jesus, nachdem ihm ein Diener einen Backenstreich verabreicht hat, spontan, fast auf die gleiche Weise revanchieren will, bis er sich plötzlich erinnert, dass es sein johanneischer Auftrag war, einem Feind die andere Wange darzubieten. Schließlich hat Jesus ja an anderer Stelle schon proklamiert: Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde (Feinde!?) hingibt. Wir zeigen Jesus als König, als den Auserwählten, als den wahren Herrscher, der auch in der größten Niedrigkeit verherrlicht wird. Jesus ist in unserer Inszenierung der bereits Auferstandene, der Wiederkehrende, der, sehnlichst zu Hilfe gerufen, eingreift, und auf Wunsch singender und musizierender Menschen seine Passion rekapituliert. Er ist es auch, der die kosmische Dimension des Erdbebens auslöst. Mit dem Zerreißen des Vorhangs im Tempel läutet er das Finale seiner Passionswiederholung ein. Jesus ist bei uns tatsächlich der HELD AUS JUDA, DER MIT MACHT SIEGEN WIRD, wie es die hoffnungsvolle Maria Magdalena beschwört. In unserer Inszenierung ist Jesus dementsprechend alles andere als ein Opfer am Kreuz.

Szenenbild In diesem Sinne ist die Johannespassion auch ein Paradebeispiel für die Macht der Musik.
Und Dank Bach können die Menschen besondere Hoffnung schöpfen. Nach dem großen Schlusschor Ruhet wohl lässt der Komponist den ergreifenden Choral folgen: ACH HERR, LASS DEIN LIEB ENGELEIN AM LETZTEN END DIE SEELE MEIN IN ABRAHAMS SCHOSS TRAGEN. Was für ein himmlischer Abgesang ... Von seinem Lorbeerkranz als fünfter Evangelist, muss Bach aber seinem kongenialen Librettisten, wer auch immer das gewesen sein mag, einige Blätter ins Haar stecken.

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