Die geheimnisvollen Inhalte im Passionsgeschehen und deren johanneische Steigerung im Oratorium

Innerhalb der Passionserzählung des Evangelisten Johannes steht die ominöse Verhandlung in und vor dem Jerusalemer Gerichtshaus im Zentrum. Der Bericht mutet wie die Abfassung eines genauen Prozessprotokolls an. So werden beispielsweise mittels Szenenanweisungen innerhalb des Textgefüges Ortswechsel definiert (Shakespeare lässt grüßen), die theatralisch durchaus umsetzbar sind. Die Auseinandersetzungen des Gerichtsherrn Pontius Pilatus mit der Menge (Hohepriester, Schriftgelehrte, Volk usw.) finden mehrheitlich im Gerichtshof statt, Pilatus teilweise religions-philosophischen Gespräche mit dem beschuldigten Jesus dagegen vorwiegend im Inneren des Gerichtsgebäudes.

Trotz aller protokollarischen Genauigkeit steckt Bachs Johannespassion aber voller Geheimnisse. Ein Rätsel ist schon die Autorschaft des Librettisten. Und bei aller Vergleichbarkeit der musikalischen Anlage mit der Matthäuspassion werfen bereits die dramaturgischen Fixpunkte innerhalb des johanneischen Bibelberichtes viele Fragen auf, die den Kenner der Passionshandlung verwirren: Warum küsst Judas Jesus nicht? Wo bleiben die dreißig Silberlinge? Warum wird Judas Schuldverstrickung nicht thematisiert? Wo ist der Oberpriester Kaiphas, zu dem Jesus zwar hingeführt wird, der aber nicht auftaucht? Warum ist der angebliche Hauptankläger wenigstens nicht bei der Verhandlung anwesend? Fragen über Fragen ...

Das größte Geheimnis rankt sich jedoch um den umstrittenen Pilatus. Im Johannesevangelium ist er, offensichtlicher als bei Matthäus, ein mitempfindender Mensch. So will er dem Nazarener trotz des Einspruchs seiner Ankläger die Freiheit schenken. Bach und sein Librettist machen ihn darüber hinaus mit den ariosen Ergänzungen zum Augenzeugen der Kreuzigung. Pilatus ist bei ihnen derjenige, der zuvörderst die Sinnhaftigkeit des messianischen Heilsweges begreift: Eilt ihr angefochtnen Seelen nach Golgatha ... Eure Wohlfahrt blüht allda. Mehr noch, der heidnische Machtmensch von Roms Gnaden wird bei den Schöpfern der Johannespassion zum Künder des göttlichen Heilsplans: Bin ich vom Sterben frei gemacht?... Du kannst vor Schmerzen zwar nichts sagen ... doch du sprichst stillschweigend: Ja!

Als Walter Jens vor Jahren mit seinem Monodram Ich bin ein Jud dem sogenannten Verräter Judas Rehabilitation angedeihen ließ, schlugen die Wellen nicht nur zwischen den Konfessionen hoch. Warum hat Pilatus' außerordentliche johanneische Erhöhung durch Bach und seinen kongenialen Textdichter noch nie für Furore gesorgt? Sollte die herrliche Musik den genauen Blick auf die kühne Volte vernebeln? Liegt es daran, dass Pilatus früh schon mancherorts als Heiliger verehrt wurde? Oder ist es Literaten zu danken, die ihn zum Ersten Christen stilisierten? Pontius Pilatus bleibt eine interessante und geheimnisvolle Figur. Vielleicht ist er ja mit all seinen Zweifeln, Fragen (Was ist Wahrheit?) und Hoffnungen nur ein zeitlos moderner Mensch?

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